Holocaust im Comic -
Die Abbildung unvorstellbarer Zeitgeschichte
 

Im Juli 1995 stürmen Polizisten den Alpha Comic Verlag und beschlagnahmen auf Anweisung der Staatsanwaltschaft Meiningen mehrere Comic-Titel - u.a. das „MAUS"-Plakat von Art Spiegelman für den ComicSalon Erlangen und die Comic-Bände „Schrei nach Leben".
Der Staatsanwalt: „Die dem Gericht vorliegenden beschlagnahmten Hefte und Bücher sowie das Plakat sind nach Prüfung als (...) nationalsozialistisch einzustufen. (...) Das beschlagnahmte Plakat ist mit einem nationalsozialistischen Emblem (Hakenkreuz) ausgestattet."
Die Anklage wurde - unter Mühen - abgewendet, da Art Spiegelman als Sohn eines Auschwitz- und Dachau-Gefangenen kaum der Sympathie für den Nationalsozialismus beschuldigt werden konnte. Im Gegenteil, „MAUS l und II" hatten den Pulitzerpreis bekommen. „Schrei nach Leben", nominiert für den Gustav-Heinemann-Friedenspreis, war von der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen an Jugendliche verteilt worden. War die Beschlagnahme und Anzeige nötig? Läuft in Deutschland was falsch?
Bis heute ist strittig, ob Comics ein Medium sind, das sich dazu eignet das Thema Holocaust ernsthaft zu beleuchten. Dem Comic wird noch von vielen Seiten unterstellt, ein „lustiger" Zeitvertreib für Kinder und Jugendliche zu sein, der aber nicht zur Auseinandersetzung mit derart erschreckenden Themen eingesetzt werden dürfte. Hier fände dann eine nahezu automatische Verharmlosung allein schon durch das gewählte Medium statt. Diese Ressentiments werden gestützt durch Hefte, in denen klischeehafte Faschisten als Synonym für das Böse als Gegner für (Super-)Helden herhalten müssen - ohne einen Funken bildungspolitischer Erklärung.
Auf der anderen Seite steht eine steigende Zahl von Comics, die sich - mehr oder minder gelungen - mit der NS-Zeit beschäftigen und in einigen Bundesländern als Unterrichtsmaterial eingesetzt wurden (z.B. „Schrei nach Leben" in Thüringen und „Hitler" in Bayern).

Die Ausstellung Holocaust im Comic setzt sich differenziert mit Holocaust-Abbildungen in Comics auseinander. Beispiele:

• Der analytische Vergleich von „MAUS" und „Schrei nach Leben" zeigt, welche Darstellungs-Form am ehesten geeignet ist, das Thema Holocaust zu vermitteln.
• Wie weit kann und darf Schwarzer Humor gehen? Der Comic „Hitler=SS" wurde in Frankreich 1988 nach Erscheinen sofort verboten.
• an Beispielen wird der mehr oder weniger versteckte Antisemitismus in Comics aus dem Hause Rolf Kauka (Herausgeber von Fix und Foxi, Lupo modern, u.a.) und Perry Rhodan-Comics der 60er Jahre und den offenen Antisemitismus in Comics rechtsradikaler Fanzines beleuchtet
• Ein Bereich beschäftigt sich mit Holocaust-Exploitation, d.h. mit Comics, die das Holocaust-Thema als beliebigen Handlungshintergrund mißbrauchen. So etwa in US-Comics, in denen die US-Helden KZs stürmen - mit Pfeil und Bogen oder per Motorrad. Diese Exploitation findet ihren Tiefpunkt in italienischen sadistischen Porno-Comics.

Warum wurde für die Auseinandersetzung mit demHolocaust dessen Abbildung in Comics gewählt?
Weil: " Der Comic ist wohl die erfolgreichste Literaturform unserer Zeit. Asterix, Donald Duck, Tim und Struppi erreichen Auflagen, von denen selbst Konsalik & Co. nur träumen können."
(Papernews-Magazin Ausgabe 2000)

Doch vor allem, über Comics erreicht man Jugendliche.

 

Die Ausstellung wird u.a. begleitet durch Informationsmaterial zum Konzentrationslager Dachau und zum „Recht gegen Rechts", einer eindrucksvollen Dia-Show, interaktiven Computerprogrammen zum Holocaust und Fach- und Sachtexten im Internet unter www.comiccongress.de.



Das Projekt wurde im Rahmen des Comicologischen Congress 2001 finanziert von der Bundeszentrale für politische Bildung/Bonn, Jugendkulturwerk der LHS München, Kulturstiftung der Stadtsparkasse München, Stadtjugendamt der LHS München, Ökofonds, Die Grünen/Bündnis '90, u.v.a.

Literatur zum Thema bei historicum.net